Le Bal – Presse

Süddeutsche Zeitung
Geniestreich: Oscar Strasnoys Opernfarce “Le Bal”.
Young hat bei der Auswahl dreier Stücke eine Überraschung gelandet, einen grimmigen Scherz inmitten zweier düsterer Tragödien: Zwischen Arnold Schönbergs “Erwartung” und Wolfgang Rihms “Das Gehege” aus “Schlusschor” von Botho Strauss grüßt als Uraufführung das Satyrspiel “Le Bal” des Argentiniers Oscar Strasnoy, eine Farce nach der Erzählung von Irène Némirovsky. (…) Strasnoy, der sich auf seinen Landsmann Mauricio Kagel beruft und derzeit an einer Oper für Aix-en-Provence arbeitet, hat eine tragische Operette geliefert, die ein kleiner Geniestreich ist: im sicheren Timing fürs Musiktheater, im genauen Gefühl für Singstimmen.

Frankfurter Rundschau
Strasnoys Musik entblättert das mit einer Vielzahl an Ideen, mit Esprit und einer nuancierten Charakterisierungskunst. Eklektisch, doch höchst virtuos tänzelt der 39-jährige Argentinier durch die Musikgeschichte, nimmt hier ein Zuckerl, da ein Schmankerl, dort einen Viertakter, fügt aber das Ganze zu einer Komposition, die ganz ursprünglich seine Handschrift trägt. Für die Sänger ist Strasnoys totale Theatermusik, die von den Hamburger Philharmonikern unter der Leitung Simone Youngs charmant dargeboten wird, eine Fundgrube. Der darstellerisch phänomenalen Miriam Gordon-Stewart (Mutter Rosine) etwa hat er herrlich überkandidelte Arabesken in die Partitur geschrieben: die ganze Überspanntheit der Figur kommt darin zum Ausdruck. Auch Miram Clark (Mademoiselle Isabelle) und Vater Alfred (Peter Galiard) dürfen sich durch ihr komplettes Register hindurchglucksen, dass es eine Wonne ist. Besonders delikat verfährt Strasnoy mit dem Moment der Wahrheit. Alles ist gedeckt, alle sind trunken vor Erwartung – und keiner kommt. Wie eine Kabarett-Truppe sitzt auf der Bühne von Alain Lagarde die bestellte Musikkapelle, hebt einen Charleston an, einen Foxtrot, bricht nach wenigen Takten ab. Rosine jagt alle aus dem Haus – außer ihrem Gatten, der selber das Weite sucht, und Töchterchen Antoinette, die die Mutter zu trösten versucht, ganz Unschuld vom Lande. (…) Für die “Trilogie der Frauen” gilt (…): ein gewinnbringender Abend.

operaticus.com
Oscar Strasnoy’s surprisingly delightful, sharp-witted comedy piece, Le Bal (based on the 1930 novella by Irène Némirovsky, with libretto by the director). I say “surprisingly” because one does not expect a new opera by a little-known composer to be—to put it plainly—so good.
Mr. Strasnoy has accomplished that rarest compositional feat: here is a work—(a one-act fable about a daughter’s revenge on her self-obsessed mother)—that has an original musical voice, that maintains dramatic tension, and that manages to be genuinely hilarious and bitingly observant at the same time. I cannot remember the last time I laughed so much at the opera. Much credit is due to the director, who boldly staged the piece in an absurdist and very Gallic manner, and even more is due to the impressive ensemble cast, who performed Strasnoy’s challenging score with fearless energy and comic abandon.
Most salient in this regard was Miriam Gordon-Stewart as the hysterical mother Rosine Kampf, the dominant figure of the opera. The unrelenting intensity—not to mention the impeccably stylish comedy—of Ms. Gordon-Stewart’s performance grabs us from her first storming on stage to her final, self-pitying collapse. Of all the singers, she was also the most successful at freeing the score from the page, transforming the rapid-fire arpeggiation of the vocal writing into outpourings of Mme. Kampf’s narcissistic mania.
Mr. Strasnoy’s score seems especially demanding in its rhythmic complexity (as well as in the wide vocal ranges required of all of the singers). Polymeters, syncopations and a kind of asymmetrical counterpoint abound. And, rare for a young composer, he is not afraid to use silences, often to great dramatic effect. The sound-world of the orchestration is tinged with lighthearted 1920s flavor (banjo, accordion, jazzy clarinets), and a fascinating blend of percussion and sighing strings evoke the rusty mechanization of the early twentieth century. The overall effect lies thrillingly somewhere between Berio, Varèse, and Weill.
Another memorable cast member was the bright-voiced Trine W. Lund, as the daughter Antoinette, who offered a well-observed reading of an oppressed young adolescent, full of spite and giddy at her first taste of power. Strasnoy and Jocelyn brilliantly present the solipsistic world of the Kampf household as seen through a fourteen-year-old’s eyes: the grown-ups and their behaviors are alternatingly mysterious, grotesque, and alluring. They drink and drink and smoke and use dirty, incomprehensible words (especially the earthy Irish nanny, sung with womanly gusto by Ann-Beth Solvang).
Strasnoy’s use of punctuated, deconstructed dance rhythms and repeated, motivic text serve to represent the grown-ups’ behavior as something slightly exotic, ritualistic, whose meaning is just beyond our (or, Antoinette’s) grasp.
I also appreciated the subtle interweaving of the role of female sexuality into the drama, so central to Némirovsky’s original story. It is Antoinette’s first stirrings of pubescent arousal (teasingly encouraged by the butler) that give rise to her reckless act of revenge upon her mother. The mother herself feels she was entrapped through an unwanted pregnancy into a loveless marriage, and fantasizes that a princely guest at her ball may yet offer her salvation. Her poignant aria makes us reexamine the glass walls encasing her living room: the glamorous but empty Mme. Kampf is a woman forever on display who can exist only in the approving or desiring gaze of others.
The two male singers in the evening of the Trilogy of Women, Peter Galliard as Alfred Kampf and Moritz Gogg as the butler Georges, also deserve special notice for their excellently crafted performances. Mr. Galliard (aided by some witty Mahlerian references in the score) struck the right note of satirically dated “Jewishness”, and Mr. Gogg’s menacing servant filled out the comic ensemble with panache.

Deutschlandradio Kultur
Strasnoy bedient sich geschickt bei französischen Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts und setzt deren Formensprache elegant neu zusammen. Dabei entsteht durchaus etwas Eigenes, das hat Witz und Esprit und macht Effekt beim Publikum. Charleston-Anklänge und imitierte Volkslieder, der ironische Konversationston französischer Operetten der Zwischenkriegszeit, hier zeigt sich Strasnoy als bauchrednerisch hochbegabt. Allerdings verzichtet der Regisseur Matthew Jocelyn auf eine Zuspitzung der Konflikte. Wo Strasnoy auch Gustav Mahler zitiert, um die jüdische Herkunft der Neureichen hörbar zu machen, lässt Jocelyn sich die Chance entgehen, den vergeblichen Aufstiegswillen des Ehepaares durch die Herkunft zu motivieren.

Neue Musikzeitung
Um so erfreulicher die Novität selbst, denn der 2008 vergebene Kompositionsauftrag an den 1970 in Buenos Aires geborenen Oscar Strasnoy förderte eine veritable komische Oper.
Kurzweilig und durchaus witzig hat Strasnoy diese dünne Handlung in einer klangreich strukturierten Partitur mit Nähmaschine und schleichenden Glissandi, gackerndem Schlagwerk, Kuhglocken, Flexaton und Singender Säge im Parlandostil umgesetzt. Auf die Zeit der gespielten Handlung verweisen die Modeinstrumente der Zwanzigerjahre, und einige Klangreize gemahnen deutlich an Schreker. Ein Bühnenorchester mit Banjo, Akkordeon, Klarinette, Violine, Kontrabass, spielt Charleston. Dem stehen Streicher-Cluster und rhythmisch vertrackte, hysterische Ausbrüche der Mutter gegenüber, die von Miriam Gordon-Stewart hinreißend verkörpert wird, in der Skurrilität noch überboten von der verrückten Klavierlehrerin (Miriam Clark) ihrer rivalisierenden Tochter (Trine W. Lund).

Im turbulenten Treiben des von Simone Young bestellten „temporeichen Ensemblestücks“ ist der kanadische Regisseur Matthew Jocelyn, der selbst das Libretto verfasst und seinen französischen Text durch eingeschobene englische Lieder verfremdet hat, ganz in seinem Element. Das ist witzig bis skurril überbordend inszeniert, so dass es wiederholt lautes Gelächter und Szenenapplaus evoziert.

DIE ZEIT – OpernZeit, 12.11.2009
Magie der Uraufführung: “Le Bal”
Achtzehn Monate – das ist nicht viel Zeit für die Komposition einer Oper. Doch Oscar Strasnoys Arbeitstempo entspricht dem seines Sujets: ein rasantes, bitterböses Konversationsstück soll es werden, eine “leichte Tragödie” mit französischer Delikatesse. Ein junges Mädchen probt den Aufstand und sinnt auf subtile Rache bei der mütterlichen Rivalin: Die Einladungen zum großen Ball der Eltern, von dem die Tochter ausgesperrt bleibt, landen nicht im Briefkasten, sondern werden von ihr aus Pubertätskummer in der Seine entsorgt. Nichtsahnend erwartet die Mutter ihre Gäste. Doch niemand kommt…
Die familiäre Katastrophe hat einen tiefschwarzen Hintergrund: Irène Némirovsky, Autorin des kleinen Romans “Der Ball”, gilt in den Zwanziger Jahren als Star der Pariser Literaturszene – und heute als Chronistin einer untergegangenen Welt. Ihre Geschichten spielen im jüdisch-großbürgerlichen Milieu der Zwischenkriegszeit. Von den Nazis deportiert, starb Irène Némirovsky in Auschwitz. Das Feuilleton feierte ihr wiederentdecktes Fragment “Suite française” als literarische Sensation.

Theatralisches Theater
Intendantin und Generalmusikdirektorin Simone Young flankiert den hintergründigen Stoff durch zwei Kolosse des deutschen Musiktheaters: Arnold Schönbergs “Erwartung” und Wolfgang Rihms “Gehege” nach einem Text von Botho Strauß. Beide Stücke sind direkt aufeinander bezogen: Sie zeigen radikale Psychogramme jeweils aus der Perspektive einer einzigen Figur – einer Frau. Ein drittes Stück soll die wuchtigen Monologe zu einer “Trilogie der Frauen” ergänzen. Simone Young sucht gleichzeitig nach variierender Vertiefung und kontrapunktischem Kontrast. Sie kontaktiert den jungen Komponisten Oscar Strasnoy. Als gebürtiger Argentinier mit Wohnsitz in Frankreich besitzt er erfrischenden Exotenstatus im bedeutungsschweren musiktheatralischen Diskurs. Strasnoy sieht sich eher auf den Spuren seines Landsmanns Mauricio Kagel, dem Meister des absurden instrumentalen Theaters. “Kagels allumfassender Vision von Kunst und seiner Theatralität fühle ich mich nahe”, so Strasnoy. “Dennoch setzt meine Musik ganz andere Akzente. Mich interessiert etwa die Metamorphose der europäischen Operette. Witold Gombrowicz hat ja die Operette als ‘vollkommen theatralisches Theater’ bezeichnet. Ich habe selbst osteuropäische Wurzeln, vielleicht bin ich dieser Traditionslinie daher intuitiv verbunden. Für mich ist Komponieren ein anderer Weg, Theaterstücke zu schreiben.” Auf dem renommierten Eclat Festival in Stuttgart sorgte Strasnoy bereits 2008 für Furore, zur Zeit arbeitet er an einer Oper für das Festival Aix-en-Provence sowie gemeinsam mit Hans Magnus Enzensberger an einem Stück für die Fassbinder-Muse Ingrid Caven. Simone Young hat sein Werk in London kennengelernt: “Ich habe seinen wunderbaren Liederzyklus für Ann Murray gehört. Strasnoy hat zwei unabdingbare Voraussetzungen für einen Opernkomponisten: perfektes Timing und Liebe zur menschlichen Stimme”, erzählt die australische Dirigentin.

Eine Ensembleoper
Im März 2008 vergibt die Hamburgische Staatsoper den Kompositionsauftrag an Strasnoy. Vorgabe: mindestens vier Frauenpartien. Gewünscht wird ein temporeiches Ensemblestück als Gegengewicht zu den beiden Monolithen. Strasnoy denkt sofort an “Le Bal”, die Entscheidung fällt schnell. Doch aus dem Roman muss zuerst ein Libretto geformt werden. “Bevor ich an die Komposition einer Oper gehe, arbeite ich sehr intensiv am Text mit”, bestätigt Oscar Strasnoy. “In meiner Musik liegt, glaube ich, eine besondere Vokalität. Beim Komponieren singe ich die Worte. Der erste Impuls ist immer Gesang, erst danach baue ich das instrumentale Gerüst.” Simone Young bringt ihn mit dem kanadischen Regisseur Matthew Jocelyn zusammen, auch er ein Wahlfranzose. Jocelyn steigt rasch in das Projekt ein und schreibt das Libretto – mit den gewünschten vier Frauenpartien. Ganz ohne Männer geht es allerdings nicht: auch zwei Herren werden mit von der Partie sein. “Nur bei einer Uraufführung hat man als Intendant und Dirigent die Chance, auf das musikalische Material produktiven Einfluss zu nehmen”, unterstreicht Simone Young. “Ich kann den Komponisten dabei begleiten, eine Partie auf den stimmlichen und persönlichen Charakter eines Sängers maßzuschneidern. ‘Le Bal’ soll eine echte Ensembleoper werden, geschrieben für ganz bestimmte Sängerinnen und Sänger, die bei uns engagiert sind – das macht die spezielle Magie dieser Uraufführung aus.”
Und so lernt Strasnoy die vorgesehenen Stimmen kennen, feilt an handschuhpassenden Vokalpartien. Im September 2009 übergibt er der Dirigentin den Klavierauszug. Letzte Korrekturen – dann geht “Le Bal” in Druck und die Arbeit der musikalischen Einstudierung beginnt. “Die Hamburgische Staatsoper hat viele Anstöße zur Moderne gegeben, Opern von Rihm, Henze, Schnittke, Kagel oder Lachenmann sind hier uraufgeführt worden”, betont Simone Young als Intendantin. In diese Phalanx reiht sich nun Strasnoys Stück ein. Von einer genormten, überraschungsfreien Avantgarde wird es sich bewusst absetzen. Das Mittelstück der “Trilogie der Frauen” spiegelt die beiden schwergewichtigen Flügelwerke in einem geschliffenen Glas. Ein irisierend-irritierender Blick auf eine explizit deutsche Thematik – Némirovskys Name ist Verpflichtung.
Kerstin Schüssler-Bach

Le Bal
Paris 1928: Rosine und Alfred Kampf, durch geglückte Finanzgeschäfte zu Geld gekommen, beschließen ihre Vergangenheit neu zu erfinden und sich in der Pariser Gesellschaft zu etablieren. Daher laden sie die (einfluss-)reiche Hautevolee zu einem Ball ein. Ihre Tochter Antoinette muss 200 Briefumschläge mit Einladungen schreiben. Sie selbst dagegen darf nicht auf den Ball. Dafür sei noch zu jung, befindet die Mutter, die sie insgeheim als Konkurrentin fürchtet.
Die Einladung für die Klavierlehrerin Mademoiselle Isabelle überbringt Antoinette persönlich. Von ihrem irischen Kindermädchen Betty, die gerade heftig mit dem Diener Georges flirtet, werden ihr die restlichen 199 Einladungen in die Hand gedrückt. Statt sie wie aufgetragen zur Post zu bringen, wirft Antoinette die Briefe in die Seine.
In der Ballnacht ist alles bereitet: das Eis bestellt, der Champagner gekühlt und die Musiker engagiert. Monsieur und Madame Kampf warten auf ihre Gäste. Doch nur Mademoiselle Isabelle kommt. Rosines Zusammenbruch quittiert der genervte Ehemann mit Türenknallen. Und Antoinette ist erwachsen geworden.

Erstmals seit 1997 wird eine Auftragskomposition der Staatsoper Hamburg im Großen Haus zur Uraufführung gebracht. Der argentinische Komponist Oscar Strasnoy hat den Einakter »Le Bal« geschrieben. Dieser basiert auf einer Erzählung von Irène Némirovsky, einer jüdischen Schriftstellerin, die 1942 in Auschwitz ermordet wurde. »Le Bal« wird im März 2010 im Rahmen der »Trilogie der Frauen« unter der musikalischen Leitung Simone Youngs uraufgeführt. Erzählt wird die bitterböse Geschichte der 14-jährigen Antoinette und ihrer Mutter Rosine im Paris der 1920er-Jahre. Rosine gibt einen großen Ball, um ihren Stand in der feinen Pariser Gesellschaft zu festigen. Ihre Tochter will sie jedoch von diesen Vergnügungen ausschließen. Antoinette – eifersüchtig und begierig darauf, ihr Leben zu genießen – sinnt auf Rache. Die Mutter-Tochter-Farce als ironisches Drama zweier konkurrierender Frauen wird von Matthew Jocelyn in Szene gesetzt, der auch das Libretto zu »Le Bal« verfasste.
Prägnante Frauencharaktere stehen auch in den anderen beiden Teilen der Trilogie im Zentrum. Eine Frau und ein Adler sind die Gegenspieler in Wolfgang Rihms »Das Gehege«. Was eine Liebesgeschichte sein könnte, weitet sich zur Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte. Arnold Schönbergs »Erwartung« war direktes Vorbild für »Das Gehege«. Schönberg schuf damit das expressionistische Psychogramm einer Frau, die einen imaginären Dialog mit ihrem getöteten Liebhaber führt.

Hamburgische Staatsoper

LEITUNG: Simone Young
INSZENIERUNG: Matthew Jocelyn
BÜHNENBILD UND KOSTÜME: Alain Lagarde
LICHT: Roberto Venturi
BESETZUNG:
Rosine: Miriam Gordon-Stewart
Alfred: Peter Galliard
Antoinette: Trine W. Lund
Miss Betty: Ann-Beth Solvang
Mademoiselle Isabelle: Miriam Clark
Georges: Moritz Gogg

Es spielen die Philharmoniker Hamburg.